Wenn Glitzer traurig macht – Warum ich Mica plötzlich mit anderen Augen sehe

Wenn Glitzer traurig macht – Warum ich Mica plötzlich mit anderen Augen sehe

Eigentlich wollte ich nur ein neues Video drehen...

Wie ihr wisst, verzichte ich bei meinen Kerzen ganz bewusst auf alles, was das saubere und ruhige Abbrennen der Kerze stören könnte. Aber bei meiner Wachs-Melts "Winter- und Weihnachts-Edition" wollte ich etwas "eskalieren" und mit Farben, Formen und Glitzer spielen. 
Endlich war es soweit: 
Meine Duft-Melts Winter- und Weihnachts-Edition sollte zum Leben erwachen. Formen gereinigt, Farben ausgesucht, Kamera im Anschlag. Die Melts sollten funkeln wie Schnee im Kerzenlicht – ein bisschen Magie, ein bisschen Glanz.
Da ich ein kleines "Lungenthema" habe und Mica im trockenen Zustand sehr staubt, wollte ich nur kurz nachlesen, ob ich bei der Verarbeitung eine Maske tragen sollte. Eine Kleinigkeit. Googlesuche: Mica Powder schädlich einatmen

Doch dieser kleine Klick hat alles verändert.

Ich stieß auf Berichte über Mica-Minen in Indien und Madagaskar – und über Kinder, die dort arbeiten. Nicht im übertragenen Sinn, sondern wortwörtlich: Vier-, Fünf-, Sechsjährige, die in enge Schächte kriechen, um winzige Glimmerplättchen aus der Erde zu kratzen. Ohne Schutz, ohne Werkzeuge, ohne Licht. Kinder, deren Hände schmutzig sind, weil sie schuften, nicht weil sie gespielt haben.

Ich saß da, las weiter und mir wurde übel.
Plötzlich sah ich meine eigenen Dosen mit Mica anders. Nicht mehr als Farben, sondern als Frage.
Wie viel Leid steckt in einem Gramm Glanz?

Was Mica eigentlich ist

Mica – auf Deutsch „Glimmer“ – ist ein natürlich vorkommendes Mineral, das seit Jahrhunderten genutzt wird. Es verleiht Oberflächen einen schimmernden Glanz und reflektiert Licht auf eine ganz besondere, weiche Weise.
Deshalb findet man Mica heute fast überall:

  • in Lidschatten, Lippenstiften und Nagellack
  • in Autolacken, Wandfarben und Bodenbelägen
  • in Elektronik, Isolierstoffen und Baustoffen
  • in Deko- und Bastelmaterialien
  • und natürlich in Kerzen und Duftmelts

Kurz: Mica ist überall dort, wo es funkeln soll.

Der größte Teil des weltweit gehandelten natürlichen Micas stammt aus Indien, genauer gesagt aus den Bundesstaaten Jharkhand und Bihar. Dort wird ein erheblicher Anteil illegal abgebaut.
Schätzungen zufolge arbeiten über 30 000 Kinder in diesen Minen. Sie tragen keine Schutzkleidung, haben kaum Zugang zu Wasser, Nahrung oder Bildung. Der Erlös aus dieser Arbeit reicht noch nicht einmal zum Leben. Der Handel läuft über Zwischenhändler, die das Material weiterverkaufen – bis es schließlich in Kosmetik, Autolack oder Dekoartikel gelangt.
Wer am Ende die Verantwortung trägt, bleibt oft unklar. Die Wege sind nur schwer, teilweise gar nicht rückverfolgbar und Korruption ist ein großes Thema.

Der schwierige Mittelweg

Das Thema ist komplizierter, als es auf den ersten Blick scheint.
Viele Hilfsorganisationen warnen davor, den Kauf von Mica einfach komplett zu boykottieren. Denn das würde zwar kurzfristig die Nachfrage senken, langfristig aber die Familien in den Minenregionen noch tiefer in Armut treiben.
Was wirklich helfen könnte, ist Transparenz und Unternehmen, die bereit sind, ihre Lieferketten offenzulegen und Verantwortung zu übernehmen.

Einige große Marken sind diesen Weg bereits gegangen: Sie unterstützen Initiativen wie die Responsible Mica Initiative (RMI), die sich für legale Minen, sichere Arbeitsbedingungen, Schulbildung und faire Entlohnung einsetzt.
Auch das deutsche Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz, das seit 2023 gilt, soll genau das fördern: Unternehmen dazu verpflichten, ihre internationalen Lieferketten zu prüfen und Menschenrechtsverletzungen zu vermeiden.

Es bewegt sich also etwas – aber langsam.

Synthetisches Mica – Hoffnung aus dem Labor

Eine Alternative ist synthetisches Mica, auch „Fluorphlogopit“ genannt.
Es wird in Laboren hergestellt, hat eine gleichmäßigere Struktur, glänzt feiner, staubt weniger und ist vollständig frei von Kinderarbeit.
Kosmetikmarken wie Lush, Rituals oder Kjaer Weis sind bereits komplett auf synthetisches Mica umgestiegen.

Ich selbst habe nun einige Farben bestellt, um sie zu testen. Sie stammen aus kontrollierter Laborherstellung, vegan und tierversuchsfrei. Ob sie sich genauso verarbeiten lassen wie natürliches Mica – das weiß ich noch nicht. Aber es fühlt sich besser an, diesen Weg auszuprobieren. Es handelt sich um einen niederländischen Lieferanten, denn einen deutschen habe ich leider nicht finden können.

Warum ich diesen Artikel schreibe

Weil Wegschauen keine Option ist.
Ich weiß noch nicht, wie meine endgültige Entscheidung aussehen wird. Vielleicht verzichte ich ganz auf Mica, vielleicht nutze ich künftig nur noch Labor-Mica oder Mica von Lieferanten, die sich der RMI angeschlossen haben.
Aber was ich sicher weiß: Ich möchte transparent bleiben. Ich möchte, dass die Menschen, die meine Produkte kaufen, wissen, was sie in den Händen halten – und welche Gedanken darin stecken.

Ich bin ein kleines Licht in einer großen Industrie, das stimmt.
Doch wenn viele kleine Lichter beginnen Fragen zu stellen, wird es vielleicht irgendwann hell genug, um auch die dunklen Stellen zu sehen.

Vielleicht ist das kein Blogartikel über Glitzer.
Sondern einer über Verantwortung.

Denn eines ist für mich klar: Kinderhände und Gesichter sollen schmutzig und verschwitzt sein. Vom Spielen und Toben, nicht vom Arbeiten, 20 Meter unter der Erde.  

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